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  Die Romanik in der Übersicht
Der Begriff "Romanik" bezeichnet kunstge-
schichtlich einen Zeitabschnitt des Mittel-
alters zwischen den Jahren 1000 und 1250
und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts
geprägt.

Die Romanik gehört neben der Gotik, der
Renaissance und dem Barock zu den vier
großen Stilepochen Europas.

Die romanischen Bauten werden in drei
chronologische Phasen eingeteilt:

1. Die ottonische Phase,
als Frühzeit der Romanik

2. Die salische Phase,
als Hauptzeit der Romanik

3. Die staufische Phase,
als Ausklang und Übergang zur Gotik.







Kunstgeschichtliche Begriffe:


ÄDIKULA
Giebelbekrönter Rahmen um Portale,
Fenster, Grabmäler, Altäre usw.

AKANTUS
Mittelmeerische Pflanze mit gefiederten
Blättern, liegt seit der Antike den meisten
Formen des Blattkapitells zugrunde.

ANTEPENDIUM
Frontverkleidung eines Altars.

APSIS
Halbrunder oder polygonal gebrochener
Chorschluß.

ARCHITRAV
Durchlaufender Stein"balken" über den
Stützen, Hauptteil des Gebälks.

ARCHIVOLTE
Bogenlauf

ARKADE
Auf Pfeilern oder Säulen ruhender Bogen.

BASILIKA
Drei- oder mehrschiffige Kirche deren
erhöhtes Mittelschiff eine eigene Be-
lichtung besitzt.

BLENDBÖGEN
Bogenreihe, die einem geschlossenen
Hintergrund vorgeblendet, d.h. reliefartig
aufgelegt ist.

BOSSE
Allgemein Rohform, speziell roh ge-
buckelte Quader.

CHOR
Der fast immer nach Osten gelegene
Altarraum der Kirchen.

CHRONOGRAMM
Inschrift, in der hervorgehobene Buch-
staben die Jahreszahl in römischen
Zahlzeichen ergeben.

DACHREITER
Zumeist schlanke Türmchen auf dem First
eines Kirchendaches, mit Vorliebe auf der
Vierung.

DIENST
Für die spätmittelalterliche Architektur
charakteristische dünne "Säulchen", die
in Verbindung mit der Wand oder
stärkeren Stützen auftreten und in der
Regel die Gewölberippen vorbereiten.

EPITAPH
An der Wand aufgestelltes oder aufge-
hängtes Denkmal eines Verstorbenen.

FESTON
Aus der Antike übernommenes
Girlandenornament.

GEBUNDENES SYSTEM
Raumorganisation im hochmittelalterlichen
Gewölbebau, die auf der Jocheinteilung
beruht: den quadratischen Doppeljochen
im Mittelschiff entsprechen jeweils zwei
quadratische Joche in den halb so breiten
Seitenschiffen; erstmals im Dom von
Speyer ausgebildet.

GURTBOGEN
Rund- oder Spitzbogen, der das Gewölbe
querlaufend überzieht und es in einzelne
Joche teilt.

JOCH
Gewölbeeinheit innerhalb einer Folge
solcher Einheiten, auch der durch eine Ge-
wölbeeinheit bestimmte Raumabschnitt.

KÄMPFER
Vorspringende Deckplatte einer Säule
oder eines Pfeilers, die als Auflager von
Bogen oder Gewölbe dient.

KAPITELL
Ausladender oberer Abschluß einer Säule,
eines Pilasters, eines Pfeilers, zumeist
verziert.

KENOTAPH
Grabmahl eines Verstorbenen, der an
einem anderen Ort bestattet ist.

KOLOSSALORDNUNG
Säulen- oder Pilasterordnung, die mehrere
(meist zwei) Geschosse übergreift und seit
dem 16. Jhdt. (Michelangelo, Palladio) und
dann besonders im Barock als Ausdruck
monumentaler Gestalt bevorzugt wird.

KONCHE
Halbkreisförmiger, von einer Viertelkugel
überwölbter Bauteil.

KREUZGANG
Meist gewölbter und gegen den Innenhof
der Klausur eines Klosters geöffneter
Laubengang, an einer Seite an die Kirche
anschließend.

KRYPTA
Halb unterirdischer Raum unter dem Chor
einer Kirche, dient zur Aufbewahrung von
Reliquien und als Ort ihres Kultes, ferner
als Grabstätte.

LEIBUNG, LAIBUNG
Durch Einschnitt einer Tür oder eines
Fensters entstehende Schnittfläche in
der Stärke der Mauer.

LETTNER
Abschrankung zwischen Laienkirche
und Chor.

LISENE
Wandvorlage ohne Basis und Kapitell.

LOGGIA
Von Pfeilern oder Säulen getragene,
meist gewölbte Bogenhalle.

MAXIMILIANSTIL
Nach dem bayer. König Maximilian II.
(1848-1864) benannter, durch besondere
Monumentalität ausgezeichneter Baustil.

NAZARENER
Gruppe deutscher Maler, die seit 1810
in Rom in klösterlicher Gemeinschaft
lebten und die Erneuerung der Malerei
auf religiös-patriotischer Grundlage an-
strebten; wirken bis in die 2. Hälfte des
19. Jhdts. hinein.

OBERGADEN
Hochwand des Mittelschiffs einer Basilika,
enthält die Fenster.

OCULUS
Kleine runde Wandöffnung.

PILASTER
Wandpfeiler, im Gegensatz zur Lisene
mit Basis und Kapitell.

PORTIKUS
Vorbau im Bereich der Fassade.

QUERSCHIFF
Quer zum Langhaus gelagertes Schiff.

SCHEIDBÖGEN
Bögen, die das Mittelschiff einer Kirche
von den Seitenschiffen scheiden.

SCHLUSSSTEIN
Der im Scheitelpunkt eines Kreuzrippen-
gewölbes sitzende Stein, der mit Figuren
oder Ornamenten geschmückt sein kann.

SEGMENTBOGEN
Flacher, aus dem Kreissegment
gewonnener Bogen.

STREBEPFEILER
Der Wand außen vorgelegte Pfeiler zum
Abfangen des Gewölbeschubs,
charakteristisch für die gotische und
neugotische Baukunst.

STÜTZENWECHSEL
Wiederkehrender Wechsel von unter-
schiedlich starken Stützen im Mittelschiff
einer Kirche, meist von Säule und Pfeiler,
wobei ein Pfeiler auf eine oder mehrere
Säulen folgen kann.

TRIFORIUM
Emporenähnlicher, aber nicht begehbarer
Ziergang in Form einer kleineren Arkaden-
reihe zwischen Hauptarkade und Fenstern
an den Mittelschiffswänden einer Kirche.

VIERUNG
Grundriss- und Raumeinheit, die in der
Durchdringung von Langhaus- und Quer-
haus entsteht.

ZWERGGALERIE, ZWERCHGALERIE
Eine in der Mauer ausgesparte Arkaden-
reihe mit dahinterliegender, oft begeh-
barer Raumschicht.

ZWERCHHAUS
Mit Giebel ausgebildeter Dachausbau,
quer zum First stehend (zwerch = quer).

Quelle: Kulturdenkmäler in Rhld.-Pfalz,
Bd.1 Stadt Speyer, SchwannQuelle
Baukunst mit System
Nähert man sich der Stadt Speyer von Osten her, so erblickt
man schon von weitem die Türme des größten romanischen
Kaiserdoms, des in vielfacher Hinsicht, ob kultur- oder
stadtgeschichtlich, maßgeblichen Dreh- und Angelpunktes
der Stadt. An hervorragender Stelle am Ortsrand von Speyer,
unweit des Rheins gelegen, zieht der gigantische Bau un-
weigerlich den Blick auf sich. Deutlich treten die Bauteile
hervor, die Türme, das basilikale Langhaus, das Querhaus,
die freistehende, halbrunde Apsis im Osten und schließlich
das zur Stadt hingewandte Westwerk.

Der additive Charakter des Gebäudes, hervorgerufen durch
die bausatzartige Zusammenstellung der einzelnen, stereo-
metrischen Baukörper, ermöglicht eine klare Abgrenzung
der mächtigen Teile voneinander, wobei sie in ihrer Gesamt-
heit den Eindruck eines unumstößlichen Bauwerkes vermitteln
von zeitüberdauernder Festigkeit und Monumentalität -
romanische Baukunst vom Feinsten.

Zeitliche Einordnung
Der Versuch einer zeitlichen Einordnung der romanischen
Epoche ist insofern kein leichtes Unterfangen, als der Stil
in unterschiedlichen Regionen zu verschiedenen Zeiten
ansetzt und zu ebenso verschiedenen Zeiten von den neuen
gotischen Formen abgelöst wird. Die Romanik beginnt nicht
unvermittelt, sondern übernimmt in Deutschland das aus
karolingischer (9. Jh.) und ottonischer Zeit (10. Jh.) tradierte
Formengut und entwickelt es weiter zu einer bis dahin un-
erreichten Meisterleistung. Spätestens mit dem Bau des
Speyerer Doms unter dem ersten Salierkaiser Konrad II.
in der Mitte des 11. Jahrhunderts war die frühromanische
Vorbereitungsphase zu Ende. Die romanische Kunst trat
ihren Siegeszug über ganz Europa an. Mit dem Umbau des
Speyerer Domes unter Heinrich IV. gegen Ende des 11.
Jahrhunderts war die Blütezeit, die in Deutschland noch ein
weiteres Jahrhundert andauern sollte, erreicht.

Als endgültigen Schlußpunkt einer spätromanischen Über-
gangsphase zur Gotik in Deutschland wird oftmals die
Gründung des Kölner Domes (1250) erachtet. Ausgehend
von Mitteleuropa, gefördert und unterstützt durch Kirchen,
Klöster, durch das Kaiserhaus der Salier (11. Jh.) und das
der Staufer (12. Jh.), blieb die romanische Architektur zwei-
hundert Jahre lang die vorherrschende, gesamteuropäische
Baukunst.

Übernahme römisch-antiken Formengutes
Eine Epocheneinteilung als Folge eines Stils auf einen vor-
ausgegangenen Stil beruht in erster Linie auf der Suche
nach der Herausbildung eines neuen Formenschatzes. Im
Falle der Romanik gestaltet sich diese Suche insofern als
schwierig, als die Architektur größenteils zurückgreift auf
Lösungen, die lange vor dem Mittelalter vorhanden waren.

Die stilistische Zeitreise geht weit zurück in die römische
Antike. Meterdickes Mauerwerk, wehrhafte Türme, Säulen,
Pfeiler, sie alle bestimmen gleichermaßen den Sakral- und
den Profanbau, von Dorfkirchen bis hin zu den Kaiserdomen,
von kleinen Burgen bis hin zu großen Festungsanlagen. Das
augenfälligste römisch-antike Element ist jedoch unbestreit-
bar der Rundbogen. Gelagert auf Stützen dient er als tra-
gendes Element zur Öffnung von Wänden, als oberer Portal-
oder Fensterabschluß erweist er sich in jedem Fall als ideale
Möglichkeit zum Abfangen und Weiterleiten von immensen
Schubkräften.

Dem Rundbogen als tektonischem Mittel der Maueröffnung
steht sein räumliches Pendant gegenüber, das Tonnenge-
wölbe. Große Räume können in jeglicher Höhe mit halb-
tonnenförmigen Decken überfangen und geöffnet werden,
fast ungeachtet dessen, welche Baumassen sich darüber
auftun. Das Gewölbe garantiert die Aufnahme unvorstellbar
großer Gewichtskräfte und deren sichere Übertragung auf
die mächtigen Mauern. Vielfach wird die Verwendung rö-
mischer Elemente, besonders was die Kaiserdome Mainz,
Worms und Speyer betrifft, interpretiert als Übernahme oder
zumindest als Zitat imperialer Kunst, als Demonstrations-
möglichkeit von Macht über ein erstarktes gesamteuro-
päisches Reich in der Nachfolge des Imperium Romanum.
Der, nach seinem Selbstverständnis, durch Gottes Gnaden
auserwählte Kaiser vermittelt sich als Schirmherr und Wahrer
des Glaubens sowie als oberster Beschützer und unum-
schränkter Regent seines christlichen Reiches. Gleichwie - die
Namensgebung
Romanik im 19. Jahrhundert, wahrscheinlich
erfolgt in Anlehnung an den zur selben Zeit geprägten Be-
griff der
romanischen Sprachen, wird jedenfalls im Sinne von
aus dem Römischen stammend erklär- und nachvollziehbar.

Der basilikale Aufbau
Den am häufigsten verwendeten und damit vorherrschen-
den Typus des romanischen Kirchenbaus stellt die drei- bzw.
fünfschiffige Basilika dar, ein in Ost-West-Richtung gelagerter
Längsbau, der mit den ersten, christlichen Kirchengründung-
en durch Konstantin d. Großen (4. Jh.) geboren war und sich
im gesamten christlichen Kulturraum durchsetzte.

Der Hauptbau der Basilika, das Langhaus, ist in der Längs-
achse durch Pfeilerarkaden getrennt in ein breites Mittelschiff
und schmalere Seitenschiffe entlang des Mittelschiffes. Die
Wände des Mittelschiffes über den Bogenstellungen, so-
genannte Hochwände, sind weit über die Seitenschiffe hin-
ausgezogen und ermöglichen durch rundbögige Fenster den
direkten Lichteinfall in das Kircheninnere. Schon in großen,
frühchristlichen Bischofskirchen waren zum Teil unterhalb der
als Licht- oder Fenstergaden bezeichneten Zone säulen-
bestandene Emporen eingezogen, die über Treppentürme
zugänglich waren. Die Kirchenschiffe wurden entweder mit
flachen Holzdecken versehen oder ließen durch ihre offenen
Dachstühle das Satteldach des Mittelschiffes und die Pult-
dächer der Seitenschiffe im Inneren erkennen. Dies sollte sich
in der Romanik grundlegend ändern, flache Holzdecken oder
offene Dachstühle müssen steinernen Gewölben weichen!

Die Eingangsportale der Kirche erreichte man über die im
Westen, quer zum Haupthaus gelegene Vorhalle. Mit seiner
Bedeutung als Übergang von der irdischen Stadt in die
Gottesstadt gewährt der Eingang den Gläubigen Zutritt zu
eben dieser Gottesstadt, dem Abbild des in der Offenbarung
prophezeiten Himmlischen Jerusalem: "Da entrückte er mich
in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte
mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem
Himmel herabkam. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer
mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf... Im Osten hat die
Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore
und im Westen drei Tore."
(Offb. 21, 10-13).

Drei Tore im Westen - die beiden äußeren führen zu den
Seitenschiffen, die in frühen Zeiten für die Gläubigen vor-
gesehen waren. Das größere Hauptportal in der Mitte
ermöglicht den Eintritt in das breite Mittelschiff. Es diente
ursprünglich dem feierlichen Einzug des Kirchenoberhauptes
und seinem klerikalen Gefolge in das Gotteshaus während
des liturgischen Ablaufes, der im östlichen Mittelschiff, dem
durch die Errichtung des Altars heiligsten Ort, mit der
Eucharistiefeier seinen Höhepunkt erreichte.

Seit Mitte des 4. Jahrhunderts sind die christlichen Kirchen
nach Osten hin ausgerichtet. Diese Ostung oder Orientier-
ung, also die Ausrichtung des Altarraums zum Orient hin,
beinhaltet eine tiefreligiöse, symbolische Bedeutung. Im
Osten geht die lebensspendende Sonne auf und verfolgt
ihre Bahn bis zu ihrem Untergang im Westen. Von Osten
nach Westen, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Unter-
gang wird der Bogen gespannt. Die hochkomplexe Licht-
metaphorik wird vielfach in biblischen Texten angesprochen,
sie versinnbildlicht das Gute und die wahre Erleuchtung im
Gegensatz zur Finsternis, in der die Unwissenden umherirren.
Wie das Licht von der Sonne ausgeht, so geht das Heils-
geschehen von Christus aus: "Ich bin das Licht der Welt. Wer
mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern
wird das Licht des Lebens haben."
(Joh. 8, 12).

Die Errungenschaften der Romanik
War bisher nur die Rede von der Übernahme traditionellen
Formengutes, so sind es doch die neuen Leistungen der
Romanik, die sie nicht zum Ausläufer einer spätantik-
frühchristlichen Epoche machen, sondern zu einem eigen-
ständigen Kunststil mit innovativem Formenschatz. Gerade
diese Errungenschaften lassen sich in hervorragender und
deutlicher Weise am Dom zu Speyer ablesen.

Gebundenes System
Entsprach in frühchristlichen Zeiten die Länge des östlichen
Querbaus der Breite des Längsbaus, zum Beispiel bei dem
Ursprungsbau von St. Peter in Rom, so durchdringt in der
romanischen Architektur das Querschiff in exakt rechtem
Winkel das Langhaus und ragt weit über dieses hinaus. Die
Breite des Querschiffs entspricht dabei genau der Breite des
Mittelschiffes und so entsteht bei der Durchdringung ein
quadratischer Grundriß, das sogenannte Vierungsquadrat.
Mit Bogenstellungen zu allen vier Seiten, die in den Ecken
von Pfeilern getragen werden, wird der Raum als ausge-
schiedene Vierung von den übrigen Bauteilen abgegrenzt.
Ihre besondere Betonung erhält die Vierung durch den sich
über ihr erhebenden Turm.

Mit Hilfe von Trompen, sphärischen Elementen in Form von
Kugelsegmenten, wird es möglich, über dem quadratischen
Grundriß einen achteckigen oder runden Turm zu errichten,
den Vierungsturm, den größten und mächtigsten Turm der
Kirche. Das Vierungsquadrat wird in der Romanik zum Maß
aller Dinge. Die Arme des Querhauses entsprechen in ihrer
Grundfläche dem Quadrat ebenso wie die einzelnen Joche
des Mittelschiffes, die quadratischen Seitenschiffjoche weisen
jeweils die halbe Seitenlänge auf. Der exakte Flächenbezug
sämtlicher Raumteile auf das Vierungsquadrat wird als
gebundenes System der Romanik bezeichnet.

Ausbau des Ostteiles
Was bisher noch nicht angesprochen wurde und diesem
gebundenen System aber genauso unterliegt, ist das Chor-
haus. Es schließt sich als Verlängerung des Mittelschiffes
östlich an das Querhaus an und öffnet sich zur halbrunden,
überwölbten Apsis, die, nach außen hin freistehend, den
Ostabschluß der Kirche bildet. Der Komplex aus Chorhaus
und Apsis wird meist kurz als Chor bezeichnet, er bietet
Raum für den Hauptaltar und das oft reich geschnitzte Chor-
gestühl für die Geistlichen zu beiden Chorseitenwänden.
Stellt man den Grundriß einer romanischen Kirche vor seinem
inneren Auge auf, so erscheint nicht nur die Form des
lateinischen Kreuzes, sondern möglicherweise auch die Form
des menschlichen Körpers mit Rumpf, Armen und Kopf. In
jeder Hinsicht vermittelt der enge räumliche Bezug der
Raumteile aufeinander den Eindruck von absoluter Ausge-
glichenheit und Harmonie.

Die Überwölbung und Gliederung
Die systematische Aufteilung der Fläche ist die Grundvor-
aussetzung für die in der Romanik erwünschte Gliederung
des Raumes. Beim Durchschreiten des Mittelschiffes vom
Hauptportal hin zum Altar folgen einander in Ausmaß und
Aufbau identische Joche. Sie werden durch Gurt- oder
Jochbögen, die quer zur Hauptachse des Raumes verlaufen,
voneinander getrennt. Das wesentliche Merkmal eines Joches
besteht insbesondere darin, daß jedes von ihnen ein eigenes
Gewölbe trägt. Gerade die Wölbetechnik ist eine der her-
ausragenden Leistungen romanischer Architektur. War
Speyer I im Mittelschiff wahrscheinlich mit einer Holztonne
versehen, so wurde in Speyer II der breite Mittelschiffraum
mit Kreuzgratgewölben abgeschlossen.

Das Kreuzgratgewölbe wird gebildet durch die rechtwinklige
Durchdringung zweier gleich hoher Tonnengewölbe, die da-
durch entstehenden segelartigen Kappen bilden an den
Schnittstellen scharfe Grate. Das tonnenschwere Gewicht
der steinernen Decke, das das fast leicht anmutende Kreuz-
gratgewölbe nur erahnen läßt, kann sich nach allen vier
Seiten verteilen, um schließlich von den mächtigen Pfeilern
aufgenommen zu werden. Einzelsäulen wären nicht im-
stande, die riesige Last zu tragen, diese Aufgabe über-
nehmen jetzt die verstärkten Bündelpfeiler als Zusammen-
schluß von Pfeiler, vorgelagerten Pilastern und Halbsäulen.
Die Pfeilervorlagen werden in Kolossalstellung in die Hoche-
gadenzonen bis zur Decke hinausgetrieben, um nicht nur
die Kräfte der Gurtbögen aufzunehmen, sondern um als
Blendbögen auf den Hochwänden zu enden und diese
systematisch zu unterteilen.

In Speyer wechseln sich Pfeiler mit Doppelpilaster- und
gurttragenden Halbsäulenvorlagen ab mit den zwischen
ihnen stehenden Pfeilern mit Einzelpilaster- und Halb-
säulenvorlage. Dieser Wechsel verstärkt den Eindruck der
Einzeljoche, die Zergliederung und Rhythmisierung des
Gesamtraumes vollzieht sich in horizontaler Richtung ent-
lang des Mittelschiffes und durch die Kolossalstellung der
Vorlagen gleichzeitig in vertikaler Richtung.

In vielen Fällen beträgt die Anzahl der Pfeiler zwölf, sechs
zum südlichen und sechs zum nördlichen Seitenschiff hin.
Sie werden dann theologisch gedeutet als die Versinnbild-
lichung der zwölf Apostel, die in der Nachfolge Christi den
christlichen Glauben verbreitet haben und als die eigent-
lichen Stützen oder Pfeiler des Glaubens gelten. Jeder
Pfeilerarkade ist in der übergeordneten Blendarkade der
Hochwand ein Obergadenfenster zugeordnet. Gerade
dieser Achsenbezug ist es, der, erstmals in Speyer und für
die folgende Architektur ausschlaggebend, verwirklicht wird.
Auch die Fenster der Seitenschiffe stehen in diesem
Achsenbezug. Die konsequente Wandgliederung durch
achsial aufeinander bezogene Fenster, Blendbögen und
Arkaden trägt zusätzlich zur Vertikalisierung des Rauminne-
ren bei, der Blick des Betrachters wird unweigerlich nach
oben gezogen.

Der Beginn des Aufwärtsstrebens der romanischen Architek-
tur bereitet vor, was für die folgende gotische Architektur
unabdingbar wurde. Die horizontale Lagerung eines früh-
romanischen Baus wird aufgegeben zugunsten einer
Bewegung des Raumes in der Vertikalen.Gliederung des
Grundrisses, der Wände, der Decke fahren zur Aufteilung
des Gesamtraumes in einzelne Elemente, dennoch verbinden
sich diese durch konsequenten Bezug aufeinander zu einer
Einheit, Zerteilung zur Einheit birgt demzufolge in der
romanischen Architektur keinen Widerspruch in sich.

Das Westwerk
Im Gegensatz zu Italien, wo meist schlichte, einstöckige
Bogenhallen zum Haupthaus führen oder überdimensionier-
te Westfassaden den dahinterliegenden Bau größer und
mächtiger erscheinen lassen als er tatsächlich ist, entwickelt
die deutsche Romanik in der Nachfolge der karolingischen
und ottonischen Architektur das Westwerk.

Auch wenn von kunsthistorischer Seite aus das Westwerk
des Speyerer Doms oftmals keinerlei Beachtung findet, weil
es eine Neugestaltung aus dem 19. Jahrhundert ist, so
vermittelt es dennoch einen Eindruck davon, was den ur-
sprünglichen Charakter eines romanischen Eingangsbaus
ausmacht. Die dreigeschossige Anlage mit großer Fenster-
rose, der Urform der in der späteren Gotik so vielgeliebten
Fensterrosette, öffnet sich im Erdgeschoss als Bogenhalle
zum Vorplatz des Domes. Im Zusammenspiel mit den Türmen
mutet der Bau wehrhaft an, der Gedanke an einen möglichen
Sicherungsbau für den Übergang von irdischer Stadt zur
Gottesstadt taucht auf.

Der eigenständige, burgähnliche Bau, der, in gleicher Länge
wie das östliche Querhaus, das Langhaus seitlich überragt,
kann als Kultraum für einen weiteren Kirchenpatron neben
dem im Ostteil verehrten Heiligen dienen. Im Falle der
Kaiserdome wird das Westwerk zum Sitz des Kaisers, die
irdische Macht präsentiert sich als Gegenüber der göttlichen
Macht. Mit Emporen zum Innenraum geöffnet, in Speyer
leider nicht mehr zu sehen, bietet das Westwerk Platz für
den Kaiser und sein Gefolge während der Teilnahme am
Gottesdienst. Selbst wenn der Kaiser nicht anwesend ist,
bleibt seine Präsenz spürbar. Es ist gerade die Doppel-
polarität von östlichem Querhaus mit Türmen und Westwerk
mit seinen Westtürmen, die den Charakter der romanischen
Dome in Deutschland ausmacht, dem den Heiligen gewidme-
ten Ostteil steht der dem Herrscher, dem Beschützer der
Kirche, gewidmete Westteil gleichberechtigt gegenüber.
 
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