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Die Privilegien von 1111
Am 14. August 1111 bestattete Heinrich V. seinen Vater an der Seite seiner Vorfahren.
Aus diesem Anlaß erteilte er der Einwohnerschaft im Beisein zahlreicher weltlicher und
geistlicher Würdenträger zwei bedeutende Privilegien.

Im ersten befreite er die Einwohner,
"die jetzt in der Stadt wohnen oder von nun an wohnen
wollen, woher immer sie kommen und wessen Standes sie seien, sie und ihre Erben von dem
schändlichen und fluchwürdigen Gesetze, nämlich jenem Teile, welcher gewöhnlich Buteil
genannt wird".

Diesen
"Buteil" (von Budel d.i. von "beid" und "teil", beide Teile, nämlich des Grundherren
und des Erben), eine drückende Erbschaftssteuer, mußten die Hörigen an ihren Grund-
herren entrichten. Nicht selten betrug er sogar die Hälfte des Nachlasses. Die Folge
waren bittere Armut und Not.

Die ganze Bedeutung dieses Privilegs ermisst man erst, wenn man sich erinnert, daß die
Bewohner der umliegenden Dörfer bis zur Französischen Revolution - die Leibeigenschaft
wurde im Fürstbistum Speyer, zu dem ja die Dörfer um Speyer zählten, erst 1798 abge-
schafft - bei einem Todesfall das
"Hauptrecht oder Moratorium", wenn auch stark verringert,
zahlen mußten. Wollte jemand aus dem Fürstbistum entlassen werden, also auswandern,
so mußte er 10% seines Vermögens abgeben. In anderen Herrschaften war es allerdings
auch nicht besser.

"Damit aber diese unsere Bewilligung und Bestätigung zu allen Zeiten fest und unerschüt-
terlich verbleibe, und daß weder Kaiser noch König, noch Bischof, noch Graf, noch eine
sonstige Gewalt, hoch oder nieder, sie zu brechen wage, wollen Wir, daß zu ewigem
Andenken dieses besonderen Freibriefes, derselbe in Erz gegossen, mit goldenen Buch-
staben gefaßt, in Mitte unser Bildnis durch die Sorgfalt unserer Bürger über des Münsters
Tor gesetzt, damit daraus unsere besondere Liebe zu ihnen ersehen werde".

Der ganze Wortlaut dieses Privilegs wurde tatsächlich halbkreisförmig über dem inneren
Domportal angebracht. Reste der Inschrift waren noch Mitte des 18. Jahrhunderts
- trotz des Dombrandes von 1689 - zu lesen.

Im zweiten Privileg befreite Heinrich V. die Einwohner
"wegen der standhaften Treue
zu uns"
von jedem Zoll und der Abgabe des Bann- und Schoßpfennigs. Ohne Einverständ-
nis der Bürgerschaft
"soll keine Obrigkeit" - der Bischof als Stadtherr also - "die Münze
leichtern oder mindern"
, d.h. die Währung verändern. Die bischöflichen Dienstleute
dürfen nicht mehr
"von den Bäckern oder Metzgern oder von sonst jemandem in der
Stadt gegen deren Willen irgend ein Stück Hausrat hinwegnehmen"
. Jenen, die "ihr
Eigentum auf eigenen oder gedungenen Schiffen vorüberfahren"
, darf nichts mehr
abgefordert werden.
Text: Speyer - Kleine Stadtgeschichte, Fritz Klotzcopyright
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